Notiert von Severin Imfeld
Wenn ich am Schweizerhofquai entlanggehe, versuche ich manchmal, die Autos wegzudenken. Übrig bleiben die hohen Hotelfassaden, die Bäume, das Wasser und die Berge. Das ist ungefähr das Bild, für das Leute im 19. Jahrhundert tagelang angereist sind. Ich schreibe hier auf, was ich über diese Zeit gelernt habe, nicht als Fachmann, sondern als jemand, der zu Fuss durch die Kulissen geht.
Die Rigi war schon lange vor jeder Bahn ein Ziel. Reisende liessen sich hinauftragen oder gingen zu Fuss, um oben den Sonnenaufgang zu sehen, und auf dem Gipfel stand bereits im frühen 19. Jahrhundert ein Gasthaus. Die Berichte aus dieser Zeit klingen nach Abenteuer und nach schlechter Laune: Nebel, Kälte, viel zu viele Leute im gleichen Schlafsaal. Irgendwie tröstlich dass sich daran nicht alles geändert hat.
Luzern selbst war damals eher Durchgangsstation. Man kam an, schlief eine Nacht und fuhr weiter Richtung Gotthard. Dass die Stadt selber zum Ziel wurde, hat mit dem Wasser zu tun.
Im September 1837 fuhr die «Stadt Luzern» zum ersten Mal von Luzern nach Flüelen. Sie war das erste Dampfschiff auf dem Vierwaldstättersee, und sie brauchte für die Strecke etwa drei Stunden, viel weniger als die Ruderboote vorher. Damit rückten die Orte am See näher zusammen, und Luzern wurde zum Hafen, von dem aus man alles erreichte.
Heute fahren auf dem See noch fünf Raddampfer der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees, und ich nehme mindestens einmal im Sommer einen davon, nur um im Maschinenraum zuzuschauen. Das Geräusch ist schwer zu beschreiben. Ein bisschen wie ein grosses, ruhiges Herz, das zu viel Kaffee getrunken hat.
Mit den Schiffen kamen die Hotels. Der Schweizerhof am Quai wurde um 1845 gebaut und gehört bis heute derselben Familie. Etwas später entstand das Grand Hotel National, in dem ein junger Hotelier namens César Ritz einen Teil seines Handwerks lernte, bevor sein Name zum Synonym für Luxus wurde. Am Hang über der Stadt kamen weitere Häuser dazu, auf dem Gütsch etwa, den man seit 1884 mit einer kleinen Standseilbahn erreicht.
Ein Besuch, der in Luzern bis heute gern erzählt wird, ist der von Königin Victoria. Sie wohnte im Sommer 1868 mehrere Wochen in der Pension Wallis oberhalb der Stadt, ritt auf ihrem Pony auf den Pilatus und erwähnte in ihrem Tagebuch den Quai, die Kapellbrücke und den Löwen. Für die Werbung war das unbezahlbar. Wenn eine Königin irgendwo Ferien macht, wollen alle anderen auch hin.
Ich mag diese Häuser, auch die, in denen ich nie übernachten werde. Manchmal gehe ich in eine der alten Hotelhallen, bestelle einen Kaffee und schaue mir die Decken an. Das kostet mehr als im Bahnhofbuffet, ist aber billiger als ein Museumseintritt, und niemand fragt, ob man Gast ist.
Am 21. Mai 1871 wurde die Vitznau-Rigi-Bahn eröffnet, die erste Bergbahn Europas. Plötzlich war der Sonnenaufgang auf der Rigi etwas, das man ohne Sänfte und ohne Muskelkater erleben konnte. Im Jahr darauf, 1872, stiess man in Luzern beim Bau eines Weinkellers auf Gletschertöpfe, und statt eines Kellers entstand der Gletschergarten. Auch das ist typisch für die Zeit: Wenn Gäste kommen, wird aus einem Loch im Boden eine Sehenswürdigkeit.
1889 folgte die Pilatusbahn von Alpnachstad hinauf. Mit bis zu 48 Prozent Steigung gilt sie bis heute als steilste Zahnradbahn der Welt, und ihre Zahnradtechnik wurde im gleichen Jahr an der Weltausstellung in Paris gezeigt. Ich bin als Bub mit meinem Vater hinaufgefahren und erinnere mich vor allem an das Gefühl, gleich nach hinten zu kippen. Wer heute fahren will, schaut am besten direkt bei den Pilatus-Bahnen nach, die Saison der Zahnradbahn ist auf den Sommer beschränkt.
Dazwischen eröffnete 1882 die Gotthardbahn, und damit wurde Luzern noch mehr zu einem Knotenpunkt zwischen Nord und Süd. Wer nach Italien wollte, kam hier vorbei, und viele blieben ein paar Tage länger als geplant.

Die Kapellbrücke war für die Reisenden natürlich ein Muss, mit ihren Bildtafeln aus dem 17. Jahrhundert und dem Wasserturm. Was viele Besucher heute nicht wissen: In der Nacht auf den 18. August 1993 brannte ein grosser Teil der Brücke ab, und viele der alten Tafeln wurden zerstört. Ich war damals ein Kind und habe die Bilder im Fernsehen gesehen, ohne zu verstehen, warum meine Mutter weinte. Die Brücke wurde in wenigen Monaten rekonstruiert und im April 1994 wieder eröffnet. Wenn man genau hinschaut, sieht man den Unterschied zwischen altem und neuem Holz noch.
Luzern lebt noch immer vom Tourismus, nur sind die Gäste andere und sie bleiben kürzer. Statt drei Wochen in der Pension sind es oft drei Stunden zwischen zwei Busfahrten. Man kann sich darüber ärgern, und manche Luzerner tun das mit grosser Hingabe. Ich versuche, es gelassener zu sehen. Die Stadt war nie nur für uns gebaut, und genau das hat sie so schön gemacht.
Wer wissen möchte, was diese Gäste damals alles nach Hause getragen haben, liest auf der Seite über die Andenken aus Luzern weiter. Und wer die Kulissen lieber selbst abläuft, findet ein paar Routen bei den Spaziergängen am See.