Notiert von Severin Imfeld
In meinem Schuhkarton mit alten Ansichtskarten liegt eine, die ich besonders mag. Vorne der Löwe im Fels, daneben eine junge Frau in Luzerner Tracht, die etwas gelangweilt in die Kamera schaut. Hinten hat jemand mit Bleistift geschrieben, dass das Wetter schlecht sei und das Essen gut. Mehr nicht. Ich habe die Karte für ein paar Franken auf einem Flohmarkt gekauft und frage mich seither, wer sie geschrieben hat.
So ein Andenken ist eine merkwürdige Sache. Es soll beweisen, dass man da war, und es soll einen später an etwas erinnern, das man in dem Moment vielleicht gar nicht so intensiv erlebt hat. Luzern hat damit sehr früh angefangen, Geld zu verdienen, und ich finde, man versteht die Stadt besser, wenn man weiss, was die Leute hier gekauft haben.

Das Löwendenkmal entstand 1820 und 1821. Den Entwurf machte der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen, in den Sandstein gehauen hat ihn Lukas Ahorn. Es erinnert an die Schweizergardisten, die 1792 beim Sturm auf die Tuilerien in Paris getötet wurden. Ein trauriges Thema eigentlich . Trotzdem, oder gerade deshalb, wurde der sterbende Löwe sehr schnell zum Wahrzeichen und zum Verkaufsschlager.
Kleine Löwen aus Holz, aus Gips, aus Bronze, auf Briefbeschwerern und Tintenfässern: Der Löwe liess sich in jeder Grösse verkaufen. Viele der geschnitzten Exemplare kamen gar nicht aus Luzern, sondern aus den Schnitzerwerkstätten im Berner Oberland, die um 1900 Chalets, Brieföffner, Tierfiguren und eben Luzerner Löwen für die Andenkenläden lieferten. Wer heute bei Auktionen nach «Lion of Lucerne» sucht, findet Dutzende davon, manche erstaunlich fein, manche mit einem Gesichtsausdruck, als hätte der Löwe nur Zahnweh.
Mark Twain hat den Löwen bekanntlich als das traurigste und bewegendste Stück Stein der Welt beschrieben. Ich stehe trotzdem nicht oft davor, weil dort tagsüber immer eine Gruppe steht. Früh am Morgen nach einem Nachtdienst ist es anders. Dann ist es still, nur das Wasser im Teich bewegt sich, und man versteht, warum Leute ihn mitnehmen wollten.
Um 1900 war die Ansichtskarte das, was heute das Handyfoto ist, nur langsamer. Man kaufte sie, schrieb zwei Sätze und schickte sie ab, oft an Leute, die eine Woche später schon wussten, wie das Wetter gewesen war. Für Luzern gab es Karten von allem: Kapellbrücke, Hofkirche, Gütsch, Schweizerhofquai, Rigi, Pilatus, jeder Dampfer und jedes Hotel.
Besonders schön sind die Photochrome, farbige Drucke nach Schwarzweissfotos, die in Zürich entwickelt wurden. Die Farben sind nicht ganz echt, der See ist ein bisschen zu türkis und der Himmel ein bisschen zu rosa, aber gerade das macht sie für mich wertvoll. Sie zeigen nicht, wie Luzern aussah, sondern wie man es sich wünschte. Ein Teil dieser Drucke ist heute in grossen Sammlungen frei zugänglich, und ich kann stundenlang darin herumklicken.
Ab Ende des 19. Jahrhunderts kam eine andere Art Andenken dazu: das Qualitätsprodukt. Am Schwanenplatz eröffnete Carl Friedrich Bucherer 1888 sein Uhren- und Schmuckgeschäft, das bis heute dort steht und vor dem die Reisecars Schlange stehen. Die Uhr als Souvenir war teuer, aber sie hatte einen Vorteil gegenüber dem Holzlöwen: Man konnte sie jeden Tag tragen und dabei an Luzern denken, ob man wollte oder nicht.
Das Taschenmesser gehört in dieselbe Familie, auch wenn es nicht aus Luzern stammt, sondern aus dem Kanton Schwyz. Ich habe als Kind eins von meinem Grossvater bekommen und es verloren, als ich zwölf war, auf dem Sonnenberg. Ich glaube bis heute, dass es noch irgendwo dort liegt.
Die Frage bekomme ich öfter, weil ich Kollegen aus anderen Kantonen und ein paar Freunde im Ausland habe. Meine Regel ist einfach: Es soll etwas sein, das man in Luzern tatsächlich benutzt oder isst, und nichts, was nur für Touristen hergestellt wird.
Ein Birnenweggen aus einer Bäckerei, im Herbst und Winter. Das ist nähmlich ein Gebäck mit gedörrten Birnen, ziemlich schwer und ziemlich gut, und man bekommt es in der ganzen Zentralschweiz. Es übersteht auch eine Zugfahrt, was man nicht von jeder Spezialität behaupten kann.
Eine alte Ansichtskarte aus einem Brockenhaus oder von einem Flohmarkt. Die kosten selten viel, und jede ist ein Unikat, weil jemand etwas draufgeschrieben hat. Wenn man Glück hat, findet man eine vom Quartier, in dem die beschenkte Person später gewohnt hat. Ich hatte einmal so ein Glück, mit einer Karte vom Wesemlin für eine Kollegin, die genau dort wohnt. Sie hat sie aufgehängt.
Wer im Februar hier ist, kann eine Fasnachtsplakette kaufen. Die ist klein, sie ist jedes Jahr anders, und sie erzählt mehr über Luzern als jeder Magnet mit Kapellbrücke. Mehr zur Fasnacht steht auf der Seite über die Luzerner Fasnacht.
Kühe aus Plüsch. Kuckucksuhren, die in Asien gemacht wurden. Schneekugeln mit Kapellbrücke, obwohl ich zugeben muss, dass ich eine besitze. Sie war ein Geschenk, und ich bringe es nicht übers Herz, sie wegzuwerfen.
Das ist vielleicht die eigentliche Pointe bei Andenken: Man behält sie nicht, weil sie schön sind, sondern weil jemand sie einem in die Hand gedrückt hat. Wer mehr darüber wissen möchte, wie Luzern überhaupt zur Stadt der Gäste wurde, findet das auf der Seite zur Tourismusgeschichte.