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Luzern, zum Merkenorte, wege, abende

Notiert von Severin Imfeld

Allein in Luzern

Die ersten Wochen nach der Trennung habe ich vor allem gearbeitet. Das ging gut, weil im Spital immer jemand fehlt und niemand Nein sagt, wenn man eine Schicht übernimmt. Schwierig wurden die freien Tage. Ich wohnte immer noch in derselben Wohnung, ging durch dieselben Strassen, und auf einmal war die Stadt voller Orte, an denen wir zusammen gewesen waren. Das Café an der Ecke. Die Bank beim Inseli. Sogar der Migros am Bahnhof, was im nachhinein fast komisch ist.

Ich schreibe diese Seite, weil ich damals gesucht habe und wenig Brauchbares fand. Es gibt viele Texte darüber, wie man «Single-Leben geniesst». Es gibt weniger darüber, wie man in einer mittelgrossen Schweizer Stadt einfach wieder Menschen kennenlernt, ohne dass es gleich um Liebe gehen muss.

Das Ehrliche zuerst

Allein sein in Luzern ist nicht schwer, man wird hier nicht schief angeschaut. Einsam sein ist eine andere Sache. Die Zentralschweiz gilt nicht gerade als offen für Neue, und ich als Einheimischer merke das selber: Die meisten Leute haben ihre Kreise seit der Schulzeit oder der Lehre, und diese Kreise sind voll. Wer dazukommen will, braucht einen Grund, regelmässig am gleichen Ort aufzutauchen. Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis aus diesen zwei Jahren. Nicht Spontanität bringt Leute zusammen, sondern Wiederholung.

Ein zweiter Punkt, den ich lernen musste: Nach einer langen Beziehung ist ein Teil des Freundeskreises plötzlich «ihrer». Das ist niemandes Schuld. Man muss es aber aushalten, dass einige Einladungen nicht mehr kommen.

Wasser hilft

Ich schwimme im See, sobald es irgendwie geht, meistens ab Mai. Das Seebad war in diesem ersten Sommer mein Rettungsanker, nicht wegen der Leute, sondern wegen der Routine. Morgens nach dem Nachtdienst schwimmen, danach schlafen. Mit der Zeit erkennt man aber die anderen Stammgäste, und irgendwann nickt man sich zu. Bei mir ist daraus ein lockerer Kreis von Frühschwimmern geworden, mit denen ich im Herbst manchmal einen Kaffee trinke. Mehr nicht, aber das ist mehr, als ich vorher hatte.

Eingang zum Seebad Luzern mit Steg

Rudern, Chor und andere Vereine

Wer etwas mehr Struktur will, findet in Luzern viele Vereine, und das ist die eigentliche Stärke der Stadt. Der Seeclub Luzern am Alpenquai bietet neben dem Leistungssport auch Kurse für Leute an, die einfach rudern lernen wollen. Ein Kollege hat dort mit Ende dreissig angefangen und schwört, dass man nach einem Ruderkurs nie wieder Small Talk machen muss, weil alle nur über Technik reden. Ich halte das für eine Übertreibung, aber für eine nette.

Chöre gibt es in der Stadt und in den Agglomerationsgemeinden erstaunlich viele, von Kirchenchören über Pop-Chöre bis zu Projektchören, die nur für ein Konzert proben. Ich singe schlecht, habe es aber ein halbes Jahr lang versucht. Das Singen war mittelmässig, die Pause in der Mitte der Probe war hervorragend.

Daneben gibt es Turnvereine, Jassrunden, Quartiervereine, Laufgruppen und Gemeinschaftsgärten. Mein Rat ist, etwas zu wählen, das man auch ohne Leute gerne machen würde. Dann ist es nicht schlimm, wenn es mit den Leuten eine Weile dauert.

Kurse als Abkürzung

Die Klubschule Migros hat einen Standort in Luzern und bietet Sprachen, Kochen, Handwerk und vieles mehr an. Ein Kurs hat einen Vorteil gegenüber einem Verein: Er hört nach ein paar Wochen auf. Man muss sich nicht verpflichten, man probiert etwas aus. Ich habe dort einen Italienischkurs besucht und mehr über die Lebensgeschichten meiner Mitschüler gelernt als über den Konjunktiv.

Die Fasnacht als Sonderfall

In Luzern gibt es ein paar Tage im Jahr, an denen das Kennenlernen fast von alleine passiert. An der Fasnacht reden Leute miteinander, die sich sonst nicht einmal anschauen würden. Wer es ernster meint, schliesst sich einer Guuggenmusig an. Das ist allerdings eine Verpflichtung übers ganze Jahr, mit Proben und Anlässen, und kein Wochenendvergnügen. Ich habe der Fasnacht eine eigene Seite gewidmet.

Was mir nicht geholfen hat

Ich war zweimal an einem organisierten Singles-Abend, und beide Male habe ich mich gefühlt wie an einer Weiterbildung zum Thema Unbehagen. Das mag an mir liegen. Auch die Apps haben mir anfangs nicht gut getan, weil ich sie zu früh benutzt habe, als ich eigentlich noch traurig war. Was ich darüber denke, steht auf der Seite über Online-Dating in der Zentralschweiz.

Wo ich heute stehe

Ich bin immer noch allein, und an manchen Abenden finde ich das schwer. An den meisten nicht mehr. Ich kenne heute mehr Menschen in Luzern als vor der Trennung, und das ist eine seltsame, aber gute Bilanz. Wenn ich jemandem in einer ähnlichen Lage etwas sagen könnte, dann das: Gehen Sie regelmässig an einen Ort, wo die gleichen Leute sind. Der Rest kommt langsamer, als man möchte, aber er kommt.

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