Notiert von Severin Imfeld
Es gibt Menschen, die verlassen Luzern während der Fasnacht. Sie nehmen Ferien, fahren in die Berge oder nach Italien und kommen erst am Aschermittwoch zurück, wenn die Strassenreinigung schon durch ist. Ich verstehe sie , ich war nur nie einer von ihnen. Für mich ist die Fasnacht die Zeit, in der Luzern am meisten zu sich selbst wird, laut, schief, liebevoll und ziemlich chaotisch.
Diese Seite ist für Leute, die das erste Mal dabei sind, und für alle, die sich fragen, ob sie es wagen sollen.

Die Fasnacht beginnt am Schmutzigen Donnerstag, punkt fünf Uhr morgens, mit einem lauten Knall. Kurz danach kommt Bruder Fritschi mit seiner Familie übers Wasser und zieht zum Fritschibrunnen auf dem Kapellplatz. Dazu regnet es Konfetti, und in diesem Moment fangen überall in der Altstadt die Guuggenmusigen an zu spielen. Wer das einmal erlebt hat, vergisst es nicht.
Mein Rat: Gehen Sie früh. Kurz nach vier Uhr ist man an der Seepromenade noch gut dran, später wird es eng. Ziehen Sie sich warm an, es ist Februar, und man steht lange. Ich war beim ersten Mal mit sechzehn dort, in zu dünnen Turnschuhen, und habe meine Zehen erst gegen Mittag wieder gespürt.
Die Tage bis zum Aschermittwoch haben einen eigenen Rhythmus. Am Schmutzigen Donnerstag zieht am Nachmittag der Fritschi-Umzug durch die Stadt. Am Güdismontag folgt der Wey-Umzug, und am Güdisdienstag am Abend der Monstercorso, bei dem die Guuggenmusigen in voller Besetzung durch die Strassen ziehen. Dazwischen ist eigentlich immer etwas los, in den Gassen, auf den Plätzen, in den Beizen. Wer das genaue Programm sucht, findet es beim Lozärner Fasnachtskomitee, das jedes Jahr die Umzüge organisiert. Ehrlich gesagt lernt man die Fasnacht aber nicht beim Lesen.
Eine Guuggenmusig ist eine Blasmusik, die absichtlich ein wenig falsch klingt. Das ist die Kurzfassung, und jeder Guugger wird mir dafür böse sein. In Wahrheit wird da das ganze Jahr geprobt, mit viel Ehrgeiz, damit es an der Fasnacht genau richtig schräg klingt. Die Kostüme und Larven entstehen oft in monatelanger Handarbeit und werden für jedes Jahr ein neues Sujet entworfen.
Für mich ist der beste Moment, wenn eine Guuggenmusig in einer engen Gasse stehen bleibt und spielt. Der Klang prallt von den Hauswänden zurück, man spürt die Pauke im Bauch, und für ein paar Minuten ist alles andere egal.
In Luzern ist man an der Fasnacht verkleidet. Nicht ein bisschen, sondern richtig. Wer nur mit Jacke und Jeans herumsteht, wird zwar nicht weggeschickt, fällt aber auf. Man muss kein teures Kostüm haben. Eine Maske, ein alter Mantel, viel Farbe im Gesicht, das genügt. Die Larve, also die Maske, hat einen praktischen Nebeneffekt: Man wird mutiger. Hinter der Maske redet man mit Leuten, die man sonst nie ansprechen würde.
Ich habe ein paar Jahre lang immer das gleiche Kostüm getragen, einen umgebauten Bademantel mit aufgenähten alten Ansichtskarten. Wenig originell für einen Sammler, ich weiss. Aber ein Mann hat mich einmal gefragt, ob er eine davon kaufen könne, und wir standen danach eine halbe Stunde da und haben über Hotels der Belle Époque geredet, mitten im Lärm.
Das ist der Teil, über den viele Luzerner nur augenzwinkernd sprechen. Die Fasnacht ist eine der wenigen Gelegenheiten im Jahr, an der die Zentralschweizer Zurückhaltung für ein paar Tage Pause macht. Man stösst an, man tanzt, man redet mit Fremden. Einige Paare in meinem Bekanntenkreis haben sich an der Fasnacht kennengelernt, und ein paar davon sind sogar noch zusammen.
Man sollte die Erwartungen aber nicht zu hoch stecken. Vieles, was an der Fasnacht passiert, bleibt an der Fasnacht. Für mich ist sie eher ein Ort, an dem man wieder merkt, dass Kontakt mit fremden Menschen nicht weh tut. Das ist nach einer Trennung mehr wert, als es klingt. Mehr dazu habe ich auf der Seite über das Alleinsein in Luzern aufgeschrieben.
Respektieren Sie die Guuggenmusigen, wenn sie spielen, und stellen Sie sich nicht mitten in ihre Formation. Nehmen Sie den Kindern kein Konfetti weg, auch wenn es verlockend ist. Trinken Sie zwischendurch Wasser. Und wenn Sie am Aschermittwoch morgens müde durch die Stadt laufen, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen, dass Sie es richtig gemacht haben.
Wer neu in der Stadt ist und sich fragt, wie man hier sonst Anschluss findet, findet Hinweise auf der Seite neu in Luzern. Und wer nach der Fasnacht ein Andenken sucht, liest bei den Souvenirs aus Luzern nach.